Meine Reise

Wie vertraute Melodien nach und nach den Weg zu den eigenwilligen, überraschenden und manchmal sperrigen Klangwelten des 20. Jahrhunderts geöffnet haben.

Langsam in die Moderne

Für mich war der Weg zur Musik des 20. Jahrhunderts lang. Als ich zum ersten Mal Schostakowitschs Fünfte Sinfonie hörte, gefiel sie mir überhaupt nicht. Mit vielen anderen Werken ging es mir ähnlich. Ich hätte mir damals eine behutsame Einführung gewünscht, die nicht bei Jahreszahlen und Stilbegriffen beginnt, sondern beim Hören.

Im alten classical.de verglich ich diesen Weg mit der Gewöhnung an scharfes Essen. Das Bild ist etwas grob, trifft meine Erfahrung aber noch immer: Man beginnt dort, wo man sich wohlfühlt, und entdeckt mit der Zeit einen Geschmack an Klängen, die zunächst fremd erscheinen. Diese Seite folgt deshalb keiner Musikgeschichte. Sie zeichnet meinen persönlichen Hörweg nach.

Erste Etappe

Vertraute Türen

Pjotr Tschaikowski 1840–1893

Der Nussknacker und Schwanensee waren vertraute Ausgangspunkte. Zum eigentlichen Schlüssel wurde für mich jedoch das Erste Klavierkonzert: noch ganz romantisch und doch bereits ein Schritt in Richtung Rachmaninow. Auch in der großen Klaviersonate glaubte ich diese spätere Klangwelt schon zu hören.

Edvard Grieg 1843–1907

Von den Peer-Gynt-Suiten und der Holberg-Suite führte mein Weg zum Klavierkonzert. Gerade dieses Werk öffnete mir eine weitere Tür: Aus dem romantischen Ton heraus ließ sich für mich bereits Rachmaninow erahnen. Griegs lyrische Stücke blieben daneben ein ruhiger, unmittelbar zugänglicher Begleiter.

Hector Berlioz 1803–1869

Berlioz gehört zeitlich kaum in eine Reise durch das 20. Jahrhundert. Die Symphonie fantastique musste für mich trotzdem dabei sein: wegen ihrer Kühnheit, ihrer Farben und weil sie zeigt, wie früh die vermeintlich sichere Welt der Romantik bereits ins Ungewohnte führte.

Camille Saint-Saëns 1835–1921

Der Karneval der Tiere gehört zu jenen seltenen Werken, die Kinder und Erwachsene auf ganz unterschiedlichen Ebenen erreichen. Für mich steht er neben dem Nussknacker, Peter und der Wolf und Brittens Orchesterführer. Später kam das Zweite Klavierkonzert als weniger offensichtliche Entdeckung hinzu.

Nikolai Rimski-Korsakow 1844–1908

Scheherazade war der selbstverständliche Einstieg. Danach entdeckte ich das Klavierkonzert, die Oper Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und das B-Dur-Quintett. Bei Rimski-Korsakow hörte ich zugleich zurück zu Grieg und voraus zu seinen Schülern Strawinski und Prokofjew.

Zweite Etappe

Farbe und Eigensinn

Jean Sibelius 1865–1957

Das Wort, das ich damals für Sibelius fand, war „schwermütig“. Valse triste und Pohjolas Tochter verbinden für mich Traurigkeit mit einer merkwürdigen Zuversicht. Die Karelia-Suite, Lemminkäinens Heimkehr und Finlandia zeigen eine kraftvollere, hellere Seite dieser Klangwelt.

Erik Satie 1866–1925

Satie erschien mir als genialer Querkopf. Die Gymnopédies und Gnossiennes sind sparsam, unverwechselbar und dennoch sofort zugänglich. Auch seine eigenwilligen Spielanweisungen gehören zu dieser Persönlichkeit. Satie zeigte mir, dass Moderne nicht laut oder kompliziert sein muss, um radikal anders zu klingen.

Maurice Ravel 1875–1937

Der langsame Satz des G-Dur-Klavierkonzerts zählt für mich bis heute zu den schönsten überhaupt. Das Konzert für die linke Hand, Le Tombeau de Couperin, Ma mère l’Oye und Miroirs erweiterten das Bild. Besonders Minoru Nojimas Aufnahme von Miroirs blieb aus meinem damaligen Plattenregal in Erinnerung.

Ralph Vaughan Williams 1872–1958

Die Fantasia on Greensleeves und die Fantasia on a Theme by Thomas Tallis lernte ich auf einer CD kennen, die später bei einem meiner vielen Umzüge verloren ging. Die Erinnerung blieb. Noch stärker beeindruckte mich das Konzert für zwei Klaviere und Orchester, besonders der langsame Satz und die anschließende Fuge.

George Gershwin 1898–1937

Gershwins Verbindung von Jazz und Konzertmusik war für mich besonders überzeugend. Rhapsody in Blue, Porgy and Bess, die Préludes und das Songbook wurden zu Favoriten. Dabei zog es mich meist stärker zu seiner Klaviermusik als zu den großen Orchesterfassungen.

Dritte Etappe

Das Jahrhundert öffnet sich

Benjamin Britten 1913–1976

Britten wurde zu einem meiner Favoriten. Der Young Person’s Guide to the Orchestra erschließt Instrumente mit Witz und Klarheit, die Simple Symphony öffnet die Tür beinahe mühelos. Tiefer führte mich die Begegnung mit den Variations on a Theme of Frank Bridge und dem stilleren Lachrymae.

Aaron Copland 1900–1990

Mein Copland-Weg begann mit Appalachian Spring und Quiet City, ging über die Dritte Sinfonie, El Salón México, Danzón cubano, Billy the Kid und Rodeo. Die kurze Zweite Sinfonie brauchte mehr Zeit. All das bereitete schließlich den Weg zu den für mich großartigen Piano Variations.

Paul Hindemith 1895–1963

Hindemith wird für meinen Geschmack zu leicht übergangen. An schlechten Tagen geben mir die Sinfonischen Metamorphosen nach Themen von Carl Maria von Weber eine fast körperliche Energie; Mathis der Maler erschloss eine andere Seite. In den Klaviersonaten hörte ich überraschend Verbindungen zu Bach, Schönberg und Copland.

Vierte Etappe

Russische Wege

Sergei Rachmaninow 1873–1943

Obwohl Rachmaninow oft als letzter Romantiker erscheint, war er für mich der Schlüssel zur Moderne. Vom Zweiten Klavierkonzert ging es zu den Sinfonischen Tänzen, den Sinfonien und der Rhapsodie über ein Thema von Paganini. Besonders geblieben sind mir die Corelli-Variationen, die Préludes und die Études-tableaux.

Eine kleine Hörübung aus der alten Seite funktioniert noch immer: Rachmaninows Transkription des Hummelflugs nacheinander mit Ashkenazy, Horowitz und Rachmaninow selbst hören. Nicht um einen Sieger zu finden, sondern drei sehr verschiedene musikalische Persönlichkeiten.

Sergei Prokofjew 1891–1953

Ich nannte Prokofjew gern den Mozart des 20. Jahrhunderts. Der Einstieg gelang über Leutnant Kishe, die Symphonie classique und Peter und der Wolf. Danach öffnete sich ein riesiges Werk: die Ballette Cinderella und Romeo und Julia, die Oper Die Liebe zu den drei Orangen, Sinfonien und Klavierkonzerte.

Für Klavier waren Visions fugitives und Erzählungen einer alten Großmutter freundliche Ausgangspunkte; Sarcasms und die Sonaten forderten mehr. Mein persönlicher Favorit blieb die Toccata op. 11, besonders in Horowitz’ Spiel.

Igor Strawinski 1882–1971

Bei Strawinski begann ich nicht mit dem Sacre du printemps, sondern mit der neoklassizistischen Seite: Dumbarton Oaks, dem Konzert in D und den Danses concertantes. Danach kamen Klavierstücke und die Ballette – Pulcinella, Der Feuervogel, Petruschka und erst dann das Sacre. Mein kleiner Favorit blieb der Tango von 1940.

Fünfte Etappe

Reiz und Reibung

Béla Bartók 1881–1945

Ich erlebte zunächst zwei Seiten Bartóks. Da war die melodische, von seiner Beschäftigung mit Volksmusik geprägte Seite: die Rumänischen Volkstänze, Klavierstücke und der Mikrokosmos. Und da war die kantigere Moderne, zu der mir Contrasts mit Bartók, Benny Goodman und Joseph Szigeti den Übergang erleichterte.

Zu den Klavierkonzerten, dem Konzert für Orchester und der Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta fand ich damals weniger leicht Zugang. Gerade diese ehrliche Reibung gehört zur Reise: Nicht jedes bedeutende Werk muss sich sofort erschließen – und manche Tür bleibt eine Weile offen.

Dmitri Schostakowitsch 1906–1975

Ausgerechnet Schostakowitsch, dessen Fünfte Sinfonie mich anfangs abstieß, wurde später zu einer zentralen Gestalt. Einen guten Zugang fand ich über die 24 Préludes op. 34, die Jazz-Suiten und Das goldene Zeitalter. Danach folgten die beiden Klavierkonzerte, die Erste, Fünfte und Sechste Sinfonie und die Kammersinfonien.

Die Fünfzehnte Sinfonie hob ich mir in meiner damaligen Hörreihenfolge bis zum Schluss auf. Dass aus anfänglicher Ablehnung eine solche Nähe werden konnte, ist vielleicht der eigentliche Kern dieser ganzen Reise.

Arnold Schönberg 1874–1951

Ob mir Schönbergs Musik gefällt, ließ sich für mich nie einfach mit Ja oder Nein beantworten. Einige Stücke übten dennoch eine eigentümliche Anziehung aus – besonders die Musette aus der Suite für Klavier op. 25 und Pierrot lunaire. Am Ende der Reise stand also keine vollständige Vertrautheit, sondern die Neugier, weiterzuhören.